„Betreutes Denken. Die neue Lust an der Unmündigkeit“ - ein unbetreuter Bericht über das 29. Philosophicum in Lech


Wer will, der wird rundumbetreut. Wenn es die oft als unliebsam empfundene Fähigkeit des Philosophierenden ist, immer in etwa eine Frage mehr als Antwort in petto zu haben, so wird dieser Prozess und die Bedingung der Möglichkeit einer aporia von der KI abgewürgt, und zwar an der Wurzel des Denkens. Statt die Lücken in der eigenen Argumentation selbst zu füllen, die offenen Enden auszuhalten, die Reibung des Fraglichen, des Ungenauen, der Verwirrung im Denkprozess, statt in einem transformativen Spannungsfeld zu verweilen entzieht sich das Denken sich selbst, in die Betreuung des Toten und Absichtslosen, dass es (Achtung – es folgt anekdotische Evidenz aus meiner Schulzeit) liebevoll seinen Kumpel oder gar Freund „Chatty“ schimpft.

Nun bin ich etwas in Emphase geraten, doch möchte ich im Folgenden eigentlich gerne von meinen Eindrücken des diesjährigen Philosophicum Lech berichten, das sich natürlich wesentlich vieldeutiger mit dem Thema des „Betreuten Denkens“ und der „neuen Lust an der Unmündigkeit“ befasst hat, als nur über KI und die Delegation verschiedener Lebensbereiche zu sprechen – auch wenn die Assoziation nahe liegt.

Mit 19 weiteren Studierenden und teils auch Promovierenden aus verschiedenen Studiengängen war ich also, dank meiner erfolgreichen Teilnahme am Bundeswettbewerb dieses Jahres, als Stipendiatin finanziell rundumbetreut im sonst sehr teuren Lech. Es war mir eine sehr große Freude, neue Gesichter kennen und schätzen zu lernen und mir spannende Standpunkte anzuhören. Zudem war es erfreulich, bereits bekannte Gesichter wieder zu treffen. Was den Verein der Philolympics besonders erfreuen könnte ist auch die Zusammenkunft dreier „Generationen“ mit Jonas, Mira und mir.

Elisa Bégin (St. Virgil und IPO 2026), Mira Ivanova (St. Virgil und IPO 2025), Jonas Paluš (St. Virgil 2024)

Inmitten der pittoresken Berge und mit einem atemberaubenden Ausblick ließ es sich nicht nur nicht beschweren, sondern auch unbeschwerlich denken und wandern, wenn das insgesamt doch sehr dichte Programm es zuließ. Den Auftakt machten dabei die Philosophicum Dialoge „Wie ist die Lage?“ und „Was ist zu tun?“ gefolgt von einer weiteren Podiumsdiskussion am nächsten Tag. Das Thema der Moralisierung politischer Debatten zog sich wie eine pulsierende Ader durch die Diskussionen, Empörung aber auch die Lust am eigenen Denken und somit an einer vermeintlichen Mündigkeit konnte ich in der Audienz vernehmen.

Richard David Precht hielt einen Vortrag über explizite und implizite Herausforderungen des Liberalismus, Marie-Luisa Frick plädierte für mehr epistemische Demut und rahmte die Mündigkeit als dorniges Ideal, Romy Jaster teilte den Mündigkeitsbegriff und seine Implikationen in deskriptive und normative Fragen und Frauke Rostalski befasste sich aus einer juristischen Perspektive mit dem Begriff der vulnerablen Gesellschaft. Das, um nur ein paar der Vorträge fragmentarisch herauszugreifen.

Doch auch das kulturelle Rahmenprogramm war umfassend, neben einem Ausflug ins Kunsthaus Bregenz zum Thema „deterrents“ stach die Besichtigung des Skyspace Lech für mich ganz besonders heraus.

Zudem ergab sich die Gelegenheit für ein Privatissimum mit einem der Vortragenden, Michael Butter, der in seinem neuen Buch den Alarmismus im herrschenden Diskurs über Verschwörungstheorien behandelt und diese symptomatisch statt ursächlich für die Krise der Demokratie begreift. Sogar die Intendanz, Barbara Bleisch und Konrad Paul Liessmann, konnten wir bei einem gemeinsamen Mittagessen etwas näher kennenlernen und die Beweggründe für das diesjährige Thema genauer verstehen.

Um die Tage abzurunden, fanden wir uns dann öfters in der Philosophenbar ein, einmal auch zum „Philosophieren um Mitternacht“ mit dem Servus TV Moderator Michael Fleischhacker, doch auch die Tractatus-Verleihung bot eine feierliche Möglichkeit, den Abend ausklingen zu lassen, wie auch ein atmosphärisches Konzert des Kandinsky Quartets.

Am Sonntag dann kam der Tag der Tage, die Zeit in Lech neigte sich dem Ende zu. Als Vortragender hatte Rüdiger Safranski das letzte Wort, seine Ausführungen zur Auswirkung der KI, der Entgeisterung, der Abwertung des eigenen Geistes und dem Wuchern des Toten in unserer Gesellschaft haben mich persönlich sehr bewegt, und mir einige Anekdoten und Schieflagen aus meiner Schulzeit vergegenwärtigt. Den abschließenden Brunch musste ich mir leider entgehen lassen, die Wege trennten sich anschließend, die Heimkehr wurde angetreten.

Und nun? Was bleibt? Ambiguitäten. Gedanken, die nicht ausgedacht sind. Fragen ohne Antworten. Prämissen ohne Kriterien. Ein Bericht ohne Form.

Die Frage, ob der Mensch gerade die Kehrtwende zurück in die selbstverschuldete Unmündigkeit unternimmt, und ob diese nicht mehr mit den edlen Idealen der Aufklärung, des Mutes und der Entschlossenheit rückgängig gemacht werden kann. Die Frage nach der „guten Expertise“. Die Frage nach der Semantik des Denkens, ob sich dieses per definitionem der Betreuung entzieht. Viele Fragen mehr noch, doch sei an dieser Stelle eine Unterbrechung gesetzt.

Die gute Nachricht? Eine Referenz zum Anfang: Es ist noch immer eine Frage mehr da, es ist die Philosophie noch nicht entfleucht, die schöpferische Kraft noch nicht erschöpft.


Elisa Bégin
29.9.2026






Philosophiucm Lech 2026

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