Die Themen für den Bundeswettbewerb

Zu einem der vier Zitate ist ein Essay zu schreiben:

1.
Damit alle menschlichen Wesen mit ausreichender Rationalität und Selbstwahrnehmung funktionieren, benötigen sie ein bestimmtes Minimum an physischer Sicherheit, Gesundheitsfürsorge und Subsistenz. Beziehen wir uns der Einfachheit halber auf dieses Minimum als das menschliche Minimum. Unterhalb dieses Minimums kann man noch immer ein Mensch und am Leben sein, aber man kann nicht mehr erfolgreich die Funktionen eines moralischen Agenten ausüben oder kreativ handeln.
Henry Odera Oruka, aus: Anke Graneß: Das menschliche Minimum. Globale Gerechtigkeit aus afrikanischer Sicht. Campus Verlag, 2011, Seite 109. (Subsistenz wird hier für selbst erhaltenden Lebensunterhalt verwendet.)

2.
Der Philosoph, der in der Öffentlichkeit eingreifen will, ist kein Philosoph mehr, sondern Politiker; er will nicht mehr nur Wahrheit, sondern Macht.
Hannah Arendt: Wahrheit und Politik. In: Zwischen Vergangenheit und Zukunft. 2000, S. 338.

3.
In der unaussprechbaren Herrlichkeit des Sternhimmels war irgendwie Gott gegenwärtig. Zugleich aber wusste ich, dass die Sterne Gaskugeln sind, aus Atomen bestehend, die den Gesetzen der Physik genügen. Die Spannung zwischen diesen beiden Wahrheiten kann nicht unauflöslich sein. Wie aber kann man sie lösen?
Carl Friedrich von Weizsäcker, in: Ludwig J. Pongratz (Hg.): Philosophie in Selbstdarstellungen II. Felix Meiner Verlag, 1975.

4.
Ich fange an, einen Brief zu schreiben, und fange immer wieder neu an; ich komme nicht voran, ich trete am Ort: Was sagen und wie? Ich weiß nicht einmal mehr, wer der Adressat war. Nur die Leidenschaft und das Interesse finden sofort den richtigen Ton. Unseligerweise ist Teilnahmslosigkeit nichts anderes als Gleichgültigkeit gegenüber der Sprache, Gefühllosigkeit gegenüber den Wörtern. Doch wenn man den Kontakt zu den Wörtern verliert, verliert man den Kontakt zu den Wesen.
E. M. Cioran: Vom Nachteil geboren zu sein. Suhrkamp, 1981, 2. Auflage, S. 86.



Die Themen für den Landeswettbewerb

Zu einem der vier Zitate ist ein Essay zu schreiben:

1.
Der Sinn der Welt muss außerhalb ihrer liegen. In der Welt ist alles, wie es ist, und geschieht alles, wie es geschieht; es gibt in ihr keinen Wert – und wenn es ihn gäbe, so hätte er keinen Wert.
Ludwig Wittgenstein: Tractatus logico-philosophicus, 6.41

2.
Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es.
Simone de Beauvoir: Das andere Geschlecht, S. 334

3.
Der Mann im Sonnenbad etwa, der seinen Rücken bräunen lässt, während seine Augen durch eine Illustrierte schwimmen, seine Ohren am Sportsmatch teilnehmen, seine Kiefer einen Gum kauen – diese Figur des passiven Simultanspielers und vieltätigen Nichtstuers ist eine internationale Alltagserscheinung. [ … ] Die Frage, was den Mann zu dieser desorganisierten Betriebsamkeit treibe, […] ist […] schon beantwortet. […] Es ist horror vacui; die Angst vor Selbständigkeit und Freiheit.
Günther Anders: Die Antiquiertheit des Menschen, Bd I, C.H. Beck Verlag München 1987, S. 138

4.

Dem zum Wissen Gekommenen wird rückwirkend klar, was er am Nichtwissen hatte.
Peter Sloterdijk: Sphären. Band 3 – Schäume, Frankfurt am Main 2004, S. 200